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„pfarrblatt“: Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Sie der jüngste Bischof, und jetzt werden Sie auch schon 60. Was geht Ihnen da durch den Kopf?
Bischof Kurt Koch: Die Zeit ist unendlich schnell vorbeigegangen. Vor allem die Zeit von 2000 bis 2010. Das ging im „Schnuz“ vorbei. Ich kann mich noch gut an den besonders feierlichen Weihnachtsgottesdienst im Jubiläumsjahr 2000 erinnern. Wenn ich daran denke, dann habe ich den Eindruck, dass das gestern war … Man wird alt!
Haben Sie das Gefühl?
Nein. Der Eindruck, so wie man es erlebt, und die biologischen Daten stimmen nicht ganz überein.
Sie wurden am 23. Februar vor genau 15 Jahren in Ihr Amt eingesetzt. Was ist Ihr Selbstverständnis?
Ich versuche mich immer am Bischofsbild zu orientieren, das vom II. Vatikanischen Konzil geprägt wurde. Das entspricht allerdings nicht dem Bischofsbild, das man durchschnittlich in der Schweiz hat, weil das Konzil höchst selektiv rezipiert wird. Grundlegende Aussagen des Konzils sind in der Kirche in der Schweiz noch gar nicht bekannt geworden.
Was sind denn die Unterschiede in den Bischofsbildern?
In den durchschnittlichen Erwartungen hat der Bischof zwei Hauptaufgaben: segnen und absegnen! Demgegenüber ist nach dem Konzil der Bischof der erste Verkünder, der erste Liturge und auch der erste Leiter der Kirche.
Wieso haben Sie das Gefühl, dieses Bild sei nicht bekannt?
Denken wir nur daran, dass das Konzil den Bischof und auch den Priester in erster Linie nicht von den Sakramenten her definiert, sondern von der Verkündigung her. Also, er ist der erste Verkünder und damit auch Lehrer. Aber heute haben viele den Eindruck, sie müssten den Bischof belehren, weil er angeblich wenig Ahnung von der Realität hat.
Dass es aber einen gemeinsamen Glauben gibt, für den der Bischof im Namen der Kirche einstehen muss, das scheint mir eine Dimension zu sein, die eher zu kurz kommt.
Haben Sie das vor allem in den vergangenen Turbulenzen erfahren? Stichworte: Röschenz, Piusbrüder, Minarett …
Diese Turbulenzen haben etwas sichtbar gemacht, was schon längst da war.
Hängt das mit dem Bischofsbild zusammen?
Das ist eine Konsequenz davon. Aber es ist nicht der Grund. Der Grund ist eine sehr divergierende Kirche, mit starken Polarisierungen, in der von extrem rechts bis extrem links, oder von „anything goes“ bis „rien ne va plus“, alles möglich zu sein scheint.
Haben die Turbulenzen Spuren hinterlassen?
Ja, weil ich den Eindruck hatte, dass nur wenig Bereitschaft vorhanden war, auf das zu hören, was der Papst will.
Sie sprechen konkret von den Piusbrüdern?
Man hat einfach dagegen Stellung bezogen und teilweise Dinge verteidigt, die gar nicht mit dem II. Vatikanischen Konzil zusammenhängen. Ich erlebe den Papst in seiner Verkündigung so, dass er wirklich konsequent das Konzil umsetzen und rezipieren will. Aber es sind derart verschiedene Konzile in der Diskussion, dass es sehr schwer ist, hier überhaupt noch einen Konsens zu erreichen.
Das Konzil, wie es Hans Küng sieht, ist weitgehend rezipiert und wird durch die Massenmedien immer mehr verstärkt. Aber das ist in verschiedenen Punkten nicht das II. Vatikanische Konzil, sondern das, was man selbst weitergedacht hat.
Ich frage Sie noch einmal nach den Spuren. Ist das Verletztheit oder Resignation?
Nein, es war die Grunderfahrung, die ich immer wieder mache, dass sich Seelsorgende viel mehr an die goldene Regel halten müssten. Dass sie also andere so behandeln, wie auch sie selber gerne behandelt werden möchten. Ebenso mache ich die Erfahrung, dass die hyperkritischen Leute nicht selten einen generösen Mangel an Selbstkritik haben.
Also doch eine Verletztheit?
Verletzt ist so ein Modebegriff. Wie schnell ist man heute verletzt! Natürlich geht das nicht ohne Spuren an einem vorbei. Das ist selbstverständlich.
Foto: Angelika BoeschDie Bischöfe haben viel Mut an den Tag gelegt und gegen die Minarettverbots-Initiative Stellung bezogen. Ist es nicht sehr enttäuschend, wenn danach von der Seelsorge her kaum etwas kommt?
Erstens mussten wir gar nicht so viel Mut aufbringen, weil wir sehr bald einer Meinung waren, was unsere Stellungnahme sein muss. Was sehr schwierig war, war diese unmögliche Initiative selbst, die dazu geführt hat, dass über sehr viel anderes als über Minarette abgestimmt worden ist. Da war es sehr schwierig, unsere Position verständlich zu machen.
So waren wir teilweise aus denselben Gründen gegen die Initiative wie viele Befürworter. Auch wir Bischöfe haben an die vielen Christen in der Welt gedacht, die zu der am meisten verfolgten Religionsgemeinschaft gehören. Wir waren aber der Überzeugung, dass wir ihnen nur mit der Ablehnung der Initiative helfen. Dies aber war kaum zu vermitteln.
Haben Sie Angst vor der Zukunft?
Es ist halt in der Kirche wie am See Genezareth, wo Petrus die ganze Nacht nichts gefangen hat, kein Fisch ins Netz gegangen ist. Und dann kommt Jesus und sagt: Mach es nochmals, versuche es, geh auf den See hinaus. Es ist wichtig, es immer wieder von neuem zu versuchen. Es sind dann vielleicht nicht immer 153 Fische im Netz. Aber wenn man es immer wieder versucht, kann man einiges erreichen.
Wie viele leere Netze ertragen Sie?
Ich bin schon froh, wenn ich mich selber nicht in einem Netz verfange. Ich bin schliesslich Sternzeichen Fisch!
Was motiviert Sie? Was treibt Sie an?
Die Verantwortung, die ich habe, und die Überzeugung. Ich kenne keinen schöneren Glauben als den christlichen! Ihn zu verkünden überall dort, wo man ist, und versuchen ihn weiterzugeben, das ist es, was mich antreibt. Wenn der Glaube nicht so schön wäre, dann würde ich mir wahrscheinlich auch nicht so Mühe geben.
Dann ist das Bischofsamt für Sie nicht primär Last und Verpflichtung?
Natürlich gibt es sehr viele schöne Momente. Ich bin froh, dass es auch im Bischofsamt einen Sonntag gibt – denn am Sonntag bin ich in den Pfarreien. Ich sehe, was in den Pfarreien lebt, wie viel engagierte Gläubige es gibt, die sich nach wie vor für die Pfarrei, für die Kirche einsetzen.
Der Sonntag ist für mich immer eine Stärkung. Man sieht, dass man die Arbeit nicht umsonst macht, sondern dass es ein Dienst an der gesamten Kirche ist, die konkret in den Pfarreien lebt.
Ist es korrekt, dass Sie am 6. Februar beim Papst waren?
Das ist richtig, ja.
Hatte dieser Besuch etwas mit Ihrer Zukunft zu tun?
Eine Privataudienz mit dem Papst ist privat. Darüber gibt es nichts zu sagen.
Wohin will Bischof Kurt Koch? Was möchten Sie noch erreichen?
Das Amt, das mir anvertraut wurde, möchte ich so gut wie möglich ausfüllen. Auf Spekulationen trete ich nicht ein, denn jedes Wort, das man sagt, löst sofort eine Lawine neuer Spekulationen aus.
Foto: Angelika BoeschAbstimmungen werden in kirchlichen Kreisen zum Teil komplett ignoriert. Können Sie das verstehen?
Es ist natürlich so, dass kaum etwas derart polarisiert wie brisante politische Fragen. Die Seelsorgenden haben das Bedürfnis, nicht Polarisierungen von aussen in die Pfarreien hineinzubringen. Sie haben wahrscheinlich schon genügend Polarisierungen auf der pastoralen Ebene. Das ist zunächst verständlich. Aber es führt auch dazu, dass das Abdrängen der Religion in den Privatbereich, was gesellschaftlich in Europa äusserst dominant ist, von uns selber noch mitgetragen wird.
Und dagegen gilt es wirklich anzukämpfen. Papst Benedikt XVI. ist da ein gutes Beispiel. Er ist diesbezüglich wirklich ein „grüner“ Papst, der permanent die Verantwortung gegenüber der Schöpfung in Erinnerung ruft. Ich finde es zudem schön, dass dies auch ökumenisch gelingt, weil der orthodoxe Patriarch von Konstantinopel dasselbe Anliegen vertritt, also auch ein „Grüner“ ist.
Kurt Marti sagte kürzlich, dass immer von der Bewahrung der Schöpfung gesprochen werde, die Schöpfung sich selber aber überhaupt nicht bewahre.
Der Mensch übernimmt sich in der Tat. Es ist schon viel, wenn wir zu dieser Erde Sorge tragen. Aber sie ist ja noch nicht die ganze Schöpfung. Die Schöpfung bewahren, das kann letztlich nur der Schöpfer.
Kurt Marti bringt es immer wieder genau auf den Punkt. Das schöne Büchlein „gott gerneklein“ – über diese Themen könnte man ja theologisch drei Bände schreiben: Trinitätslehre, Inkarnationslehre, Soteriologie – bringt es in einem Wort zusammen. Davon habe ich mich bei meiner Weihnachtspredigt anregen lassen. Ich habe mir jetzt Martis Buch mit den Reformatio-Kolumnen besorgt und lese gerne zwischendurch darin.
Es kommt immer wieder die Forderung, Kirche und Staat zu trennen. Das ist Ihnen ja nicht unsympathisch?
Ich habe nie das Postulat einer Trennung von Kirche und Staat vertreten, sondern von einer weiteren Entflechtung gesprochen. Wohl in keinem Kanton ist dieses Verhältnis so eng wie in Bern. Im neuzeitlichen Verständnis ist die freie Kirche im freien Staat das Leitwort. Dies bedeutet für mich aber nicht Trennung, sondern weitere Entflechtung.
Die Frage ist dann, wie man mit den Finanzen umgeht?
Das ist gewiss eine wichtige Frage, sie darf in der Kirche aber nicht die erste sein. Die katholische Kirche lebt auf der ganzen Welt. Kirchensteuern gibt es nur in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland. In der heutigen Zeit mit schnellen Entwicklungen müsste man bereits jetzt auch an einen Finanzausgleich zwischen den Kantonen denken.
Meines Erachtens sollten die zehn Bistumskantone unter sich ein interkantonales Konkordat abschliessen. Auf politischer Ebene geschieht dies bereits. Es sollte auch in der Kirche möglich sein, zumal wir von unserem Kirchenverständnis her die besseren Ausgangsbedingungen haben.
Man reagiert dann, wenn das Haus schon in Flammen steht.
Ja, aber wenn man nur auf das eigene Haus fixiert ist, sieht man möglicherweise nicht, dass das Nachbarhaus auch schon Feuer gefangen hat. Und vielleicht ist da gerade niemand zu Hause, so dass es vollständig abbrennt.
Haben Sie Freude an der Katholischen Kirche Bern?
Ich sehe, dass in Bern viel Gutes und Innovatives gemacht wird, auch in der Zusammenarbeit zwischen den Seelsorgenden und den staatskirchenrechtlich Verantwortlichen. Der Rückbezug auf die Gesamtlinie des Bistums ist vielleicht nicht immer leicht. Aber ich bin überzeugt, dass er gelingt, wenn man im Gespräch bleibt.
Interview und Fotos: Angelika Boesch, Andreas Krummenacher
Aus cathberne.ch
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