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Als Gärtner hat Jakob Thür gelernt, die Natur zu beobachten. „Und so habe ich eben die Sujets zum Fotografieren gefunden und gesehen“, sagt der Ostschweizer, der 1952 in die Gesellschaft Jesu eingetreten ist. Bruder Jakob hat wohl zwei Berufe – aber nur eine Berufung: das unendlich geduldige und liebevolle Aufspüren des Schönen, das er oft im Unscheinbaren und Gewöhnlichen entdeckt.
Eine grosszügige Parkanlage mit blühenden Sträuchern und Bäumen, einem Karpfenteich, umwuchert von Schwertlilien, Schilf und grossen Farnwedeln. Mittendrin ein auffällig konstruiertes Gebäude – das Lassalle-Haus Bad Schönbrunn. Viel Grün und viel Licht. Das ist die Welt von Bruder Jakob Thür, dem Gärtner und Fotografen.
Blaue Augen leuchten aus dem gebräunten Gesicht des Jesuiten, der seit 39 Jahren hier lebt. Der Rücken des kleinen Mannes ist etwas krumm geworden. Jakob Thür hat nicht mit Kugelschreiber und Schreibmaschine hantiert, sondern mit Gartenwerkzeug – und einer Nikon F1, als er endlich, Mitte der 1960er Jahre, über seine Wunschausrüstung verfügte. Er habe kürzlich einen Spruch aus dem Buch der Weisheit gefunden: Wenn man durch das Grosse, Vielfältige und Schöne Gott nicht erkenne, sei man selber schuld, sagt er und lacht.
Er selber lauert dem Schönen mit unendlicher Geduld auf. Während Jahren ging er immer wieder ins Tal der Verzasca im Tessin. Immer zur selben Stelle, wo er das Schöne in unzähligen Variationen sah und mit seiner Kamera festhielt. Je nach Beleuchtung, Jahreszeit und Wasserstand konnte er immer wieder andere Bilder fotografieren. Es entstand ein Bilderzyklus mit Steinen und Wasser. Und Jakob Thür, der doch kein Mann der grossen Worte ist, hat Texte dazu geschrieben. Er hat einen „Hauch von Ewigkeit“ geschaut, im Wasser, das sich bewegt, in den Steinen, die fest sind, „als wären sie ewig da gewesen“, „hart und beständig“.
Ein Auge für Schönheiten
Als Meister des fotografischen Handwerks macht er Dinge sichtbar, die man mit blossem Auge nicht sieht. Seine Spezialität sind extreme Nahaufnahmen, mit denen er in seiner Anfangszeit als Fotograf begann und die ihn auch bekannt gemacht haben. Berühmt ist sein Margeritenbild, das vor bald 30 Jahren in der Zeitschrift „Photographie“ abgedruckt wurde: Ein Spinnennetz mit kleinen und kleinsten Wassertropfen, in denen sich eine einzige reale Margerite spiegelt.
Für solche Makroaufnahmen von kleinsten Flächen – manche Objekte waren weniger als einen Quadratzentimenter gross – verwendete Jakob Thür ein so genanntes Balgengerät. „Ja, was die Technik betrifft, hatte ich vieles los gehabt.“ Aber das sei nicht das Wichtigste, betont der Profi. „Zunächst muss man die richtigen Sujets finden und ein Auge für die Schönheiten haben.“ Das Beobachten der Natur hat Jakob Thür bereits durch seinen ersten Beruf gelernt, absolvierte er doch nach dem Besuch der katholischen Sekundarschule „Flade“ in St. Gallen eine dreijährige Gärtnerlehre.
Und so kam es, dass er nach einem Gewitter plötzlich entdeckte, dass in den Wassertropfen, die an den Grashalmen hingen, das Haus abgebildet war. „Das war meine erste Entdeckung.“ Auf dieser Entdeckung basierte eine ganze Serie von Wassertropfenbildern, welche die spirituelle Zeitschrift „ferment“ abgedruckt hat.
Hinführen zum Schöpfer
Jakob Thür sagt zu seiner Art Fotografie: „Ich wollte nicht beim ganz Natürlichen und Sichtbaren stehen bleiben.“ Kunst sei mehr. Deshalb habe er auch abstrakte Aufnahmen von Pflanzen gemacht. Man soll etwas erahnen hinter dem Sichtbaren. „Beim Fotografieren kann ich etwas vom Ewigen mitteilen. Etwas, das den Leuten gefällt und Eindruck macht, sollte auch hinführen zum Schöpfer“, sagt der liebenswürdige Mann, und dann schweigt er lange.
Bei den Jesuiten konnte er sich als Gärtner und mit der Zeit immer mehr auch als Fotograf entfalten. In den 1960er Jahren absolvierte der anfängliche Autodidakt einen mehrjährigen Fernkurs bei der „Famous Photographers School“, den die Gemeinschaft finanzierte. „Ich hatte da sehr grosszügige und verständnisvolle Obere.“ Positiv sei, dass bei den Jesuiten jeder nach seinen Fähigkeiten etwas unternehmen könne. Jakob Thür machte in der Folge Reportagen von Tagungen und illustrierte die hausinterne Zeitung.
1981 begann er am Bildungszentrum der Jesuiten Kurse unter dem Namen „Kreatives Fotografieren“ zu geben, eine Tätigkeit, die er erst 2001 aufgab. Noch heute habe Jakob Thür einen „Fan-Kreis“ aus dieser Zeit, verrät Andreas Baumeister, Herausgeber der Zeitschrift „ferment“. Dass es so weit kommen würde, hat der Gärtnerlehrling Anfang der 1940er Jahre wohl nicht geahnt.
„Ich musste irgendwie schon damals Interesse am Fotografieren gezeigt haben“, sagt Jakob Thür. Und so kaufte er einem Kollegen eine Kamera gegen zwanzig Lebensmittel-Coupons und einen Fünfliber ab. Es war seine erste Kamera. Gekauft in Zeiten, als es zum Frühstück abwechslungsweise „Habermues“, Mais und Rösti gab und Jakob Thür dann und wann 20 Rappen Trinkgeld für das Ausliefern von „Stöcken“ oder Schnittblumen bekam.
Text und Bild: Barbara Ludwig / Kipa
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